Die ausführliche Fassung gibt es nur hier.
»Simon Neßler gewann mit einem Team der Hochschule Konstanz (University of Applied Sciences) und der Universität Konstanz mit dem Case »Rebuild Palmyra« im ADC Junior Wettbewerb 2018 einen Silber Nagel. Im Interview erzählt er, wie er den Junior Wettbewerb erlebte und weshalb seine Design-Cases meist einen gesellschaftlichen oder politischen Hintergrund haben.« ADC
Wieso Editorial und Exhibition Design? Das sind ja auf den ersten Blick zwei völlig unterschiedliche Bereiche?

Ihr spielt auf meine beiden Steckenpferde an. Nun, beide Betätigungsfelder stellen meine absoluten Leidenschaften dar, und ja, ihr habt recht, auf den ersten Blick wirken sie nicht sonderlich stark miteinander verwandt: Das eine Medium formt klassische analoge Printprodukte, das andere schafft raumgreifende Gesamterlebnisse, die sich aus vielen einzelnen Facetten zusammenfügen. Wenn man es so betrachten will, habe ich mich für zwei Extreme entschieden.

Als Designer begreife ich mich als »Gestalter« im besten Sinne des Wortes: Ich möchte Prozesse vorantreiben und will die Gesellschaft mit Kultur, Sinnhaftigkeit, emotionaler Kraft und Schönheit bereichern – daraus ergibt sich für mich die »einfache« Agenda, dass ich stark daran interessiert bin, Medien und Interaktionen zu entwickeln, die es einem Konsumenten ermöglichen, so viel wie möglich und dies so leicht wie möglich in seinem Geist abzulegen. Überspitzt gesprochen, führe ich wohl einen »Feldzug« der Inhaltsvermittlung. Zu Beginn dieses Feldzugs stellte sich mir einst die Frage, mit welchen Medien ich das am Ende zufriedenstellend erreichen könnte …

Aus der Lernforschung weiß man ja, dass der Mensch – evolutionär bedingt – unter Zuhilfenahme aller Sinne, in Verbindung mit seiner Welt tritt. Wir sind ein besonders taktil geprägtes Lebewesen und unser Verstand ist es gewöhnt, Umstände, Erlebnisse oder Inhalte sehen, fühlen, schmecken, hören, riechen und tasten zu können. Je mehr Sinne wir bei einer Interaktion nutzen können, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns das Erlebte am Ende merken werden.
[1] Und so bin ich auf das »Ausstellen« gekommen – es gibt kein Medium, das so viele Gestaltungsparameter zulässt und diese auch bewusst von uns Gestaltern einfordert. Hier kann und muss man szenografische Settings und Vermittlungsnarrative wählen, die den Menschen im Raum einbetten und ihn von Inhalten umgeben.
Ausstellungen sind kontemplative Orte, die uns unsere gesellschaftliche Entwicklung nachvollziehbar und kuratiert kommentieren. Das Ausstellen ist für mich an sich ein bewusst inszenierter Akt der gesteuerten Erkenntnisbildung.
Das heißt, dass man als Ausstellungsmacher in der Art und Weise, wie man die Ausstellung konzeptioniert, die Rezeption und das, was am Ende als Erkenntnis herauskommen soll, bewusst beeinflussen kann. Damit werden Ausstellungen zu Werkzeugen der Wissensvermittlung, in denen unterschiedliche Medien – entlang einer Gesamterzählung – miteinander verwoben werden und an deren Ende ein fokussierter Erkenntniszugewinn steht.
Gute Ausstellungen sind wie Bücher oder Filme aufgebaut: Sie haben zu Beginn einen Prolog und gegen Ende einen Epilog. Zwischenzeitlich folgen Kapitel und diese sind wiederum in Episoden aufgeteilt. Das Durchwandern der Ausstellung kommt einer Reise entlang dieser narrativen Gesamtgeschichte gleich. Es hat etwas Belletristisches, an dieser Geschichte zu feilen.
Ausstellungen sind kontemplative Orte, die uns unsere gesellschaftliche Entwicklung nachvollziehbar und kuratiert kommentieren. Das Ausstellen ist für mich an sich ein bewusst inszenierter Akt der gesteuerten Erkenntnisbildung.
[2] Editorial Design ist für mich deswegen so interessant, da das gedruckte Medium in der heutigen Welt immer noch das »Vertiefungsmedium« schlechthin darstellt. Dies wird noch so lange der Fall sein, bis wir in der Lage sein werden, Inhalte direkt per Copy-and-paste in unserem Hirn zu betrachten und auch dort abzulegen.
Die meisten Menschen lesen immer noch am liebsten auf Papier – zumindest wenn man ihnen die Wahl lässt. Niemand ließt gerne an tageshellen Screens, die einem die Netzhaut wegbrennen. Ich arbeite auch viel mit Wissenschaftlern zusammen und immer wenn es darum geht, sich komplexe Inhalte zu erschließen, schickt die Menschheit in »wunderbarer« Regelmäßigkeit Druckaufträge ab. Dies wird also noch einige Zeit unsere Realität bleiben.
Ein Buch ist in meinen Augen deswegen so interessant, da es entgegen der Ausstellung ein Einzelerlebnis darstellt, das man – in elektrischer Hinsicht – vollkommen energielos steuern kann; man muss nirgendwo hingehen und kann die Interaktion eigentlich an jedem Ort starten. Gedruckte Bücher oder Magazine stellen in sich abgeschlossene Welten dar, die jeweils einen ganz klaren Anfang und ein ganz klares Ende haben. Alles, was mit dir passieren wird, findet zwischen dem Cover und der Rückseite des Buchs statt – das ist die Aussicht. Punkt. Ein Printprodukt ist wie ein erweiterter analoger Fortschrittsbalken: Du siehst immer, wo du gerade stehst und ein kleiner Flip mit dem Finger genügt und du kannst das Vorangegangene noch einmal kurz vor dir dahinflattern lassen. Ich mag an Büchern, dass sich in diesem Medium nichts »versteckt« – denn es gibt keine unsichtbaren Inhaltsebenen, die sich dem Konsumenten entziehen. Bei einer Website weiß man niemals, ob man alles nur erdenklich Mögliche erreicht hat – es besteht immer die latente Befürchtung, dass man wahrscheinlich die ein oder andere Sektion irgendeines Untermenüs noch nicht wahrgenommen haben könnte. Für mich herrscht in jedem digitalen Medium ab einem gewissen Punkt eine unterbewusste Sehnsucht nach dem klaren Ufer – digitale Medien können einem Ozean gleich unendlich ausgebaut werden und das geschieht oft tagesaktuell; dieser Allegorie nach, wird das Buch zur Insel, welche von einer klaren Küstenlinie umrissen ist und die alles nach oben hin zeigt, was es zu entdecken gibt. Versteht mich nicht falsch, das ist kein Abgesang der digitalen Medien – an ihnen mag ich das Invasive und die zusätzliche Möglichkeit, immer auch auf den Interagierenden reagieren zu können; ich möchte das auch nicht missen, schließlich haben wir in Ausstellungen oft viele interaktive digitale Devices zu planen; aber das Editorial Design ist dem gegenüber einfach meine Zuflucht, die mir deswegen Spaß macht, weil es sich dabei komplett um die gestalterische Verwebung von Materialitäten dreht.
Ein Buch ist in meinen Augen deswegen so interessant, da es ein Einzelerlebnis darstellt, das man – in elektrischer Hinsicht – vollkommen energielos steuern kann; man muss nirgendwo hingehen und kann die Interaktion eigentlich an jedem Ort starten.
Deine Design Projekte (u.a. dein ADC Projekt) drehen sich viel um geschichtliche und politische Themen. Welche Botschaften versuchst du durch deine Arbeit nach Außen zu tragen?

Im Zuge meiner Master-Thesis habe ich gelernt, dass für uns als Spezies, unsere Kultur ein wahnsinnig wichtiges Werkzeug darstellt. Entgegen der Tierwelt, die ihre Überlebenskonzepte in Form von Verhaltensmustern in ihre DNA einspeichert, speichert der Mensch seine mentalen Überlebenskonzepte und Lernerfolge im Kopf und zusätzlich in materiellen Repräsentanten ab. Wir outsourcen unsere Entwicklung zu einem bestimmten Grad und konservieren unsere gesellschaftlichen Fortschritte also in Kultur. Damit werden Kunstwerke, Gebäude oder auch Nutzgegenstände zu Repräsentanten unseres derzeitigen zivilisatorischen Entwicklungsstandes. Kultur ist – wie oben von mir skizziert wurde – ein Teil unseres evolutionären Überlebenskonzepts. In der gesellschaftlichen Reibung entwickeln wir uns als Lebensform immer weiter fort und wie der genetische Code den Affen vorschreibt, nach Bananen zu jagen, diktiert mir die DNA des Gestalters, dass ich meinen Teil dazu beitragen soll, die menschliche Kultur voranzutreiben.
Kultur ist ein Teil unseres evolutionären Überlebenskonzepts. In der gesellschaftlichen Reibung entwickeln wir uns als Lebensform immer weiter fort und wie der genetische Code den Affen vorschreibt, nach Bananen zu jagen, diktiert mir die DNA des Gestalters, dass ich meinen Teil dazu beitragen soll, die menschliche Kultur voranzutreiben.
Mir persönlich ist es wichtig, dass wir uns an die großen Fragestellungen des Lebens heranwagen, deswegen sind in der Regel 70–80 Prozent meiner Arbeiten immer von naturwissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen oder eben politischen Motiven beeinflusst, da genau diesen Feldern unser Fortschritt entspringt. Ich möchte mit meiner Tätigkeit als Gestalter Formate entwickeln, welche diesen Feldern helfen, aus dem Elfenbeinturm herabzusteigen – denn Forschung und Entwicklung oder auch andere tiefschürfende intellektuelle Fragestellungen wirken nach Außen hin gerne leicht sperrig. Es ist unter anderem die Aufgabe von Gestaltern, diese Inhalte und die darin liegende Faszination in eine visuelle Sprache zu überführen, die einladend wirkt und die Hemmschwellen abbaut.

Das beste Beispiel hat hier unser – unter anderem vom ADC und von Adobe prämiertes – Projekt »Rebuild Palmyra?« gezeigt. Als wir am Anfang des Prozesses standen, war für uns nur eine Sache klar: Wir wollten die dramatische und niederschmetternde Geschichte der antiken Stadt »Palmyra« erzählen, die 2015 zerstört wurde und daran gekoppelt – das war unsere eigentliche Intention, wollten wir es der Allgemeinheit ermöglichen, über die Fragestellung nachdenken zu können, wie man denn nun selbst Position gegenüber dieser Zerstörungswut beziehen könnte. Es gab damals so viele Sichtweisen, so viele Positionen, so viele Expertenmeinungen und so viel Emotionen – es war ein wahrer Overkill an Eindrücken; wie soll man da jetzt Entscheidungen treffen? Das ist doch unmöglich …
Wir wollten, dass unsere Ausstellung den Leuten hilft, zu begreifen, warum Kulturgüter überhaupt wichtig sind. Wir wollten etwas über die Motive erzählen, warum Menschen überhaupt zu der Einsicht gelangen, dass sie etwas Menschengemachtes bewusst zerstören müssen; und wir wollten zeigen, was man heutzutage – mit der aktuellen Technik – schon alles leisten kann, um auf solche Zerstörungen konservierend zu reagieren (sowohl nach der Zerstörung als auch schon im Vorfeld). All das konnte man damals nicht in seiner Gänze einordnen – dafür war das Medienecho zu divers und unsere Ausstellung war ein Beitrag dazu, dieses Chaos etwas ordnen zu wollen.
Wir wollten, dass unsere Ausstellung den Leuten hilft, zu begreifen, warum Kulturgüter überhaupt wichtig sind. Wir wollten etwas über die Motive erzählen, warum Menschen überhaupt zu der Einsicht gelangen, dass sie etwas Menschengemachtes bewusst zerstören müssen; und wir wollten zeigen, was man heutzutage – mit der aktuellen Technik – schon alles leisten kann, um auf solche Zerstörungen konservierend zu reagieren
Die Menschen haben in ihrem Alltag immer weniger Zeit, um diese Recherche-/Forschungsleistungen selbst auszuführen – deswegen investiere ich meine Zeit gerne in solch schwergewichtige Projekte. Ich will anderen so viel wie möglich an Arbeit abnehmen und damit ihren Einstieg vereinfachen. Wir entwickeln uns als Menschen nur dann weiter, wenn wir am Ball bleiben; wenn wir reagieren; wenn wir weiter an Konzepten und Antworten auf Probleme feilen und dies muss auch von der Gesellschaft mitgetragen werden. Man hat in den letzten Jahren gesehen was passiert, wenn das Gros der Bevölkerung eines Landes das Gefühl bekommt, dass es bei Entwicklungsprozessen nicht mehr integriert wird, beziehungsweise es sich ausgeschlossen fühlen muss. Dies darf uns nicht bei solch wichtigen Themen, wie der Politik, der Geschichte oder den Wissenschaften passieren, denn diese Forschungsfelder werden die Zukunft unseres Lebensflusses als Spezies beeinflussen.

An Welchen Projekten arbeitest du aktuell?

2018 war ein unglaublich tolles Jahr für mich.

[1] Zu allererst sei meine Master-Thesis zu erwähnen, die ich im Sommer mit einer Auszeichnung abgeschlossen habe. Im Zuge meiner Thesis habe ich mich mit dem Phänomen des »Kulturvandalismus« beschäftigt. Seit Tausenden von Jahren gibt es Kultur in der Menschheitsgeschichte – und genauso weit reicht die Geschichte der Zerstörung von Kulturgütern zurück.
Entstanden ist das Konzept einer Wanderausstellung, das die Thematik bildgewaltig vermittelt und nicht nur historische Fakten liefert, sondern Kulturzerstörung auch re-inszeniert und damit eine informative wie emotionale  Vermittlungsbasis schafft. Neben Porträts von Machthabern, die Kulturvandalismus angeordnet haben, werden politische, religiöse und gesellschaftliche Konflikte dargestellt, die die Zerstörung von Kultur zur Folge haben. So wird deutlich, dass die aktuellen Beispiele aus dem arabischen Raum nicht singulär zu sehen sind, sondern im Kontext einer leidvollen Historie stehen. Ergänzt wird das Konzept um ein Buch zur Ausstellung und eine App, die es ermöglichen würde, die jeweilige Stadt auf verschwundene, zerstörte Kulturgüter abzuscannen.
Ich möchte hier besonders auf das Buch hinweisen, das ich für die Ausstellung geschrieben habe – für Editorial-Liebhaber dürfte das genau das Richtige sein. Im Zuge der Thesis habe ich ein Unikat dieses Buchs gefertigt, das nach dessen Druck von mir analog »befleckt« wurde. Nachdem ich die Zerstörungspatina in das Buch eingearbeitet hatte, habe ich wieder weitere Inhaltsebenen auf ihr platziert. Durch diese reelle Materialität, also die schwarze Farbe sowie die Buchstaben, bekam das Buch noch einmal eine beeindruckende zusätzliche Tiefe.

Michael Braun spricht in seinem Buch »Tabu und Tabubruch in Literatur und Film« von der »Schubkraft« die freigesetzt wird wenn man gesellschaftliche Konventionen durchbricht. Lässt sich ein Mensch auf den Tabubruch ein, hat er die Chance eine Tabula rasa zu erhalten, auf der er einen gedanklichen Gegenstand vollkommen neu betrachten und bewerten kann. Er kann nun über den Prozess an sich nach­denken, ohne von der Befleckung moralischer Normen beeinträchtigt zu sein.
Meine geplante Wanderausstellung provoziert weil ich den Prozess des Tabubruchs für mich intstrumentalisere. Indem die Besucher einzelne Zerstörungs­szenarien durchlaufen, befördert die Ausstellung einen Diskurs und nötigt dem Besucher eine emotionale als auch gedankliche Reaktion ab.
Meine geplante Wanderausstellung provoziert weil ich den Prozess des Tabubruchs für mich intstrumentalisere. Indem die Besucher einzelne Zerstörungs­szenarien durchlaufen, befördert die Ausstellung einen Diskurs und nötigt dem Besucher eine emotionale als auch gedankliche Reaktion ab.
[2] Ein weiteres Buchprojekt, das mich ebenfalls noch beschäftigt hat, war ein Buch, das ich für die Hochschule Konstanz (HTWG) konzipiert habe. Der Architekturstudiengang der HTWG war 2016 auf eine zweiwöchige Reise nach China aufgebrochen. Dort trafen sie sich mit chinesischen und brasilianischen Studenten, reisten gemeinsam, machten zusammen Projekte und dokumentierten alles, was sie unternommen.
Die Teilnehmer der Summer School kamen vollgepackt mit Bildmaterial zurück und ich habe wochenlang Zeit damit verbracht, ihr komplettes Archiv zu sichten. Nach dieser Zeit fühlte ich mich fast schon so, als wäre ich selbst mit auf der Reise gewesen – dies lag vor allem an den herausragenden Bildern, welche auf der Reise enstanden.
Das Buch was ich letzten Endes gestaltet habe, ist ein wahres »Monstrum« geworden – es bündelt die komplette Reise und verteilt einzelne Passagen oder Erlebnisse in Themenbereiche innerhalb eines ABC-Diariums. Das Buch hat emotionale, atmosphärische, wissenschaftliche, künstlerische und menschliche Schwerpunkte – somit ist für jeden etwas dabei. Was mich echt überrascht, ist der Umstand, dass man lediglich anhand dieses Buchs, ein so authentisches Gefühl von Chinas Facetten bekommen kann. Es ist fast so, als hätte man sich selbst auf die Reise begeben.

[3] 2018 war ich der Creative Art Director für das Lichtkunstprojekt »Costnitz tanzt«. Es fand im Rahmen des Literaturfestivals »MINNE meets POETRY« der Stadt Konstanz statt. Das Projekt erzählte auf der Fassade eines mittelalterlichen Prachtbaus, die Geschichte eines gesellschaftlichen Aufstands: August 1429 – Die Stimmung war zum Zerreißen angespannt. Auf dem Fischmarkt standen sich bewaffnete Zünftler und Stadtadel gegenüber – ein über Jahre schwelender Konflikt war kurz vor der Eskalation.

Das Projektmarketing begann mit einem Prolog, der die Ungleichheit und die Konfliktsituation des damaligen Zunftaufstands darstellen sollte. Der Mann auf dem Plakat stand repräsentativ für die Konfliktparteien. Auf der einen Seite bot das geschlossene Auge eine Identifikationsangebot zu Wolkenstein, der repräsentativ für die Konfliktgruppe der Adligen stand. Gleichzeitig stand er mit der Entmündigung (durchgestrichener Mund) auch für die benachteiligten bzw. im wahrsten Sinne des Wortes, entmündigten Gerber und Leinweber. Der durchgestrichene Mund als Ungleichheitszeichen zeigte zudem, dass es um ungleiche Verteilung von Reichtum und Ressourcen ging.
Das Plakat war der Startpunkt der inhaltlichen Kommunikation. Aus Sicht der Marketing-Strategie sollte das Bild bestehende Erwartungshaltungen an das dunkle Mittelalter bedienen. Die Menschen sollten mit den Bildern, die sie von Filmen, wie »Game of Thrones« oder »Königreich der Himmel« im Kopf haben, angesprochen werden.

Historikern ist es ja immer sehr wichtig, historisch korrekt zu bleiben und deswegen haben sie oft große Probleme damit, wenn man Bildebenen entwickelt, die zu detailliert ausfallen – sie haben dann Angst, dass das Gezeigte zu ernst genommen werden könnte. Ich stand also zwischen den Stühlen: Einerseits wollte man etwas zeigen, andererseits durfte es nicht zu klar sein. Also habe ich für das Projekt einen illustrativen Stil entwickelt, der ganz geziehlt mit Unschärfe gearbeitet hat. Damit konnte man das angenommene Geschehen zwar bebildern, musste aber gleichzeitig keine Details zeigen, die wahrscheinlich so oder so falsch gewesen wären.
Das Projekt wurde von einer aufwendigen Broschüre und Website begleitet, welche die inhaltiche Kontextualisierung der Lichtkunstinszenierung herstellten und viele Hintergrundinformationen anboten: Die Broschüre ermöglichte den Besuchern eine tiefergehende Beschäftigung mit der mittelalterlichen Lebenswelt an sich; und die für das Projekt konzipierte Webseite stellte im Nachhinein begleitende Interviews – angelehnt an Hörbücher – zur Verfügung.

[4] Aktuell plane ich für das Architekturforum KonstanzKreuzlingen e. V. eine Ausstellung über den Gotthard. Der Gotthard ist nicht einfach nur ein Bergmassiv, sondern ist in der Vergangenheit vor allem für die Schweiz eine Projektionsfläche ihrer gesellschaftlichen Entwicklung geworden. Das Gebirgsmassiv wurde zum Repräsentanten der Lebenswelten des Schweizer Volks und stand so gesehen im Verlauf der Geschichte als Patron für das Selbstbildnis dieser Nation ein.

Beginnend bei der Antike, über das Mittelalter, hin zur Industrialisierung und der Neuzeit hat sich um den Gotthard ein Glaubenssystem herausgebildet, das sich in einzelne Bauten sowie in ganze Erschließungsanlagen eingelagert hat – hier sind in der Vergangenheit vor allem die Häderlisbrücke, die Teufelsbrücke, das Urner Loch und der Pass an sich (insbesondere aber die Straße in den Schöllenen) und die Bunkeranlagen zu nennen. Heute steht der neue Gotthard-Basistunnel als Archetyp für die erfolgreiche technologische Erschließung der Natur durch den Menschen.

Die Ausstellung »Der Gotthard, Il Gottardo« führt die Besucher entlang seiner bewegten Geschichte und fokussiert dabei auf einzelne Kernthemen, welche der facettenreichen, von Marianne Burkhalter, Christian Sumi und Luigi Lorenzetti geleiteten Forschungsarbeit entstammen. Grundlage ist das »Swiss Cooperation Programm in Architecture« (SCPA), entstanden als Zusammenarbeit zwischen der Accademia di Architettura di Mendrisio der Università della Svizzera italiana und der ETH Zürich.
Die Ausstellung wird am 14. Dezember in Konstanz eröffnet werden – wieder im gleichen Ausstellungsort, wo wir auch »Rebuild Palmyra?« ausgestellt haben (Turm zur Katz).

[5] Das zweite große Projekt, das ich derzeit bearbeite, ist ein Interaktionskonzept für einen geplanten Medienpavillon der Universität Konstanz und der Hochschule Konstanz. Für den Pavillon entwickle ich auch das User Interface Design.

Was stellst du dir für deine Zukunft vor?

Dass wir gemeinsam mal wieder einen Zustand erreichen, in dem es gesellschaftlich wieder etwas ruhiger und vernünftiger zugeht – wo nicht nur die laut Schreienden gehört werden, sondern auch die Besonneneren. Ich würde mir wünschen, dass wir es gemeinsam schaffen, ein Klima zu erzeugen, dass jedem Zugang und Teilhabe gewährt, der wirklich etwas gestalten möchte. Wir müssen weg von den Eliten, die den Fortschritt und den Wohlstand nur nach Gutdünken untereinander verteilen.

Für meine persönliche Zukunft wünsche ich mir, dass es so weiter geht: Dass mich Leute anschreiben, die mit mir zusammen Projekte stemmen wollen.
Ich würde mich sehr darüber freuen, mal das ein oder andere freie Magazin herauszugeben, aber das braucht Zeit und davon hat der Homo sapiens anno 2018 nur sehr wenig zur Verfügung stehend.

Ein ganz kleiner Wunsch, der auch von meinen bisherigen Spielfeldern etwas abgekoppelt ist, ist es im Bereich der Platten- und CD-Cover ein paar Projekte an Land zu ziehen. Ich würde gerne mal ein paar schmucke Heavy Metal oder Hard Rock Albumcover entwerfen. Da draußen gibt es so viele schreckliche Entwürfe und ich habe den Drang, dem etwas entgegenzusetzen. Ich werde dieses Projekt mal 2019 versuchen anzugehen. Ich habe auf jeden Fall schon mal ein paar digitale Scribbles gemacht, was es werden könnte.
Last but not least, was würdest du anderen kreativ Studierenden mit auf den Weg geben?

Last but not least, was würdest du anderen kreativ Studierenden mit auf den Weg geben?

Hm … in meinem Mailanhang steht der Satz von Jenny Holzer »Don’t place too much trust in experts«. Für mich persönlich ist das ein Schlüsselzitat. Ich verbinde damit nicht die Aussage, den Experten ihren Rang abzuschlagen, ich verstehe das Zitat eher als Aufforderung »skeptisch« zu bleiben. Expertentum kann auch das Zaumzeug darstellen, das einem die eigene Sicht einschränkt. Ich finde nichts schlimmer, als wenn man sich ausschließlich in einer einzigen Disziplin verschanzt und für andere Korrelationen blind wird. Für mich ist es wichtig, offen zu bleiben, mich vielen Einflüssen und Denkweisen hinzugeben. Ich finde, dass man als Gestalter dazu verpflichtet ist, am Puls der Zeit zu bleiben. Wir dürfen uns nicht nur von einem Design-Blog zum nächsten Klicken, unsere Augen müssen auch auf der Welt an sich ruhen. Wir brauchen ein sensibles Feingefühl bezüglich der vorherrschenden Beschäftigungsleidenschaften unserer Gesellschaft, denn nur so können wir unsere Kommunikationsmaßnahmen auch so entwickeln, dass sie auch wirklich konsumiert werden.
»Die Arbeit besticht durch ihre professionelle Recherche, inhaltliche Tiefe und szenografische Überlegenheit. Insbesondere ist die fachbereichsübergreifende Kollaboration herausragend.« ADC
Das meinte die ADC Jury 2018, Danke, Simon für das Interview!
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